Theologische Grundlinien und pädagogische Konsequenzen


Die Basis der Arbeit an der Marienschule ist der Glaube an und das Vertrauen in Gott, der alles Leben geschaffen hat. Gott hat jeden einzelnen Menschen ins Leben gerufen, ihn gewollt und somit „ja“ zu diesem Menschen gesagt. Dieses Ja umfasst den Menschen in all seinen Stärken und Schwächen. Damit hat Gott den Menschen in seinem Handeln frei gemacht, gleichzeitig ihm aber auch die Verantwortung für sein Handeln übertragen. Die Menschen sollen dieser Verantwortung vor Gott und den anderen Menschen gerecht werden, denn in ihrem Handeln und in ihrem Miteinander kann sich Gottes Liebe zu den Menschen widerspiegeln. Sein Ja, die Menschen anzunehmen, und seine Bereitschaft, es immer wieder mit den Menschen zu wagen, ist das Fundament der Arbeit an der Marienschule. Jesus von Nazareth ist der Mensch gewordene Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, um die Liebe Gottes zu leben und zu verkündigen. In ihm ist konkret geworden, was es heißt, den Nächsten so anzunehmen und zu respektieren, wie er ist. Er, der sich immer wieder den Armen und Schwachen zugewandt hat, soll Vorbild sein in allem Tun. Durch seine Auferstehung hat er den Menschen zugesagt, dass das Leben auch angesichts der Grenze des Todes sinnvoll ist und dass es aus aller Begrenztheit und Unzulänglichkeit befreit werden kann. Dadurch wird er für die Menschen zur Quelle der Kraft, im Miteinander immer wieder einen Neuanfang zu wagen und sich ihrer Verantwortung zu stellen.

Die Arbeit an der Marienschule hofft auf den Beistand des Heiligen Geistes. Er ist die lebendig machende und belebende Kraft Gottes. In jedem Menschen kann der Geist Gottes wirksam werden, sodass er in der Welt erfahrbar wird. Der Geist Gottes öffnet füreinander und ermöglicht auf diese Weise Gemeinschaft. Welche Konsequenzen lassen sich aus diesen Fundamenten des christlichen Glaubens für die konkrete Erziehungsarbeit an der Marienschule ziehen? Einige Grundsätze seien im Folgenden benannt: Für die Lehrkräfte der Marienschule ist jede Schülerin ein Geschöpf Gottes, eine heranwachsende Frau, die in ihrer Individualität und der ihr eigenen Persönlichkeit respektiert und ernst genommen wird. Jede Schülerin ist in der ihr eigenen Würde zu achten – unabhängig von den erbrachten schulischen Leistungen. Weil aber jeder Mensch ein eigenständiges Geschöpf mit unterschiedlichen Begabungen und Talenten ist, sind die individuellen Stärken zu fördern. Den Schülerinnen soll in der Erziehungsarbeit das Vertrauen darauf vermittelt werden, dass es gut ist, da zu sein. Sie sollen aber auch lernen, mit ihren Schwächen in angemessener Weise umzugehen. Ziel ist es, dass sie sich angenommen und respektiert wissen, dass sie ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, welches eine unabdingbare Basis für alle weiteren Entwicklungsschritte zu einer gereiften Persönlichkeit ist.

Die Lehrerinnen und Lehrer der Marienschule stellen sich in ihrer Arbeit in die Nachfolge Jesu Christi, denn es ist ihr Bestreben, sich für eine menschenwürdigere Zukunft einzusetzen und die Werte, die durch Jesus Christus vorgelebt worden sind, in ihrem Tun und Handeln umzusetzen. Diese Werte, die Grundlage für die pädagogische Arbeit sind, lauten: Gottesliebe, Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit, Toleranz, Gerechtigkeit, Verantwortung für den Menschen, Verantwortung für die Schöpfung, Solidarität und Treue. Als Grundlage für eine Humanisierung der Zukunft sollen sie den Schülerinnen vermittelt werden. Auch wenn die Lehrerinnen und Lehrer der Marienschule in der Umsetzung ihres pädagogischen Selbstverständnisses immer wieder an ihre eigenen Grenzen stoßen, bemühen sie sich, die Grundrichtung ihrer Erziehungsarbeit nicht aus den Augen zu verlieren. Die Vermittlung von Wissen, die neben den erzieherischen Zielen ein zentraler Bestandteil der pädagogischen Arbeit ist, wird in die fundamentalen Eckpfeiler des Selbstverständnisses einbezogen: Wissen ist eine Grundlage, diese Welt zu erkennen, ihre Ordnungen und Strukturen zu erfassen, in Kommunikation mit anderen treten zu können und die eigene Sicht der Welt zu erweitern.

Die Schülerinnen sollen die Möglichkeit haben, ihren Horizont zu erweitern und neue Dimensionen der Welt kennen zu lernen. Sie sollen aber auch lernen, über die reine Beschreibung und Konstatierung der Dinge und der Phänomene hinaus weiter zu fragen. Weil die Schülerinnen wissen wollen, was hinter den Erscheinungen steht und was sie selbst trägt, fragen sie nach einem tieferen Sinn. Sie erkennen hinter den Einzelphänomenen eine Ganzheit, die in sich vielfältig und in einem unlösbaren Geflecht zu sehen ist. Dadurch stoßen die Schülerinnen letztendlich an die Grenzen des rational geprägten, wissenschaftlichen Umgangs mit der Welt und mit den Dingen. Ihnen wird damit ermöglicht, eine umfassendere Dimension von Wirklichkeit zu antizipieren, die transzendentale Dimension. Durch sie wird das Vertrauen in eine sinnstiftende Ordnung des Ganzen erfahrbar. Das Vaticanum II fordert die Menschen dazu auf, „unter Wahrung der Autonomie der irdischen Wirklichkeit diese zugleich als eine von Gott abhängige zu sehen“. In der Schule sollen alle Dimensionen von Wirklichkeit erfahrbar gemacht werden, um in einer Welt der Orientierungslosigkeit und einer Zeit der „unendlich vielen Möglichkeiten“ Hilfen zu Sinnfindung und Sinnstiftung zu geben. Ziel aller pädagogischen Arbeit ist es, Dimensionen für jede einzelne Schülerin zu eröffnen, die ihr Leben glücken lassen.