Die Marienschule als Mädchenschule


In ihrer Zeit bereitete Maria Ward junge Frauen darauf vor, in ihrem Wirkungskreis, der im 17./18. Jahrhundert vor allem die Familie war, als verantwortungsvolle, im Christentum verwurzelte Frauen tätig zu sein. In unserer Zeit haben sich die Wirkungsbereiche von Frauen verändert und erweitert. Neben der Familie sind heute die Arbeitswelt, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zu Feldern geworden, in denen Frauen Verantwortung übernehmen und die Gesellschaft mitgestalten. Auf diese Aufgaben müssen Mädchen und junge Frauen durch eine fundierte schulische Bildung und wertorientierte Erziehung vorbereitet werden, die es ihnen ermöglichen, das gesamte Spektrum ihrer Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten und sich nicht schon frühzeitig ein bestimmtes Rollenverhalten anzueignen.

Auf die von Maria Ward geforderte Verantwortung, die Frauen im öffentlichen Leben übernehmen sollen, kann die Mädchenschule besonders gut vorbereiten. Anders als in koedukativen Klassen, in denen das geschlechtsspezifische Verhalten von Jungen und Mädchen deutlich ausgeprägt ist und verstärkt wird, können sich die speziellen Fähigkeiten und Anlagen von Mädchen in einer Mädchenschule ungestört entwickeln. Eine geschlechts- bzw. rollenspezifische Fächerwahl kommt weniger zum Tragen. In koedukativen Schulen wählen Jungen signifikant häufiger Naturwissenschaften, Mädchen bevorzugt Sprachen. Mädchen leiden im gemeinsam erteilten Unterricht am meisten im Fach Sport (75 %), hier fühlen sich auch Jungen (80 %) im gemeinsamen Unterricht eingeschränkt. Mädchen empfinden in diesem Fach ihr Dasein häufig als Spießrutenlaufen (Bundesjugendspiele). In der Rangfolge der unbeliebten Fächer folgen dann Physik, Mathematik, Informatik, Chemie und Biologie. Anders als in koedukativen Schulen müssen in Mädchenschulen alle anfallenden Aufgaben (z. B. Versuchsaufbauten in den Naturwissenschaften, Organisation und Durchführung von Schulfesten, Projekttagen usw.) von den Mädchen selbst bewältigt werden. Es entwickeln sich so eine planerische, organisatorische Kompetenz, Eigenständigkeit, verlässliches Verantwortungsgefühl und nicht zuletzt Versiertheit in technischen Belangen. In verschiedenen Studien (Max-Planck-Institut) wurde nachgewiesen, dass Absolventinnen von Mädchen-Gymnasien in naturwissenschaftlichen Studiengängen und Informatik deutlich überrepräsentiert sind, wobei nach erfolgreichem Studienabschluss häufig auch berufliche Führungspositionen eingenommen werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ergibt sich aus der entwicklungspsychologischen Erkenntnis, dass zeitlich verschobene Entwicklungsverläufe zwischen Jungen und Mädchen zu beobachten sind. Mädchen sind in körperlicher und geistig- sozialer Entwicklung den Jungen im Schnitt ein bis zwei Jahre voraus. Daraus ergeben sich Spannungen, die die Unterrichtssituation und auch das Lehrerverhalten beeinflussen. Dies kann sich sowohl zum Nachteil der Mädchen als auch der Jungen auswirken. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass in einer homogenen Lerngruppe eine höhere Unterrichtseffektivität erreicht werden kann. Jungen lenken im Positiven wie im Negativen stärker die Aufmerksamkeit der Lehrkraft auf sich, und Mädchen geraten so eher in den Hintergrund. Jede Gesellschaft schreibt jedem Geschlecht bestimmte Verhaltensweisen zu. Die Anthropologie zeigt, dass sie in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich sein können. Sie sind gesellschaftlich bedingt und beruhen nicht nur auf biologischen Gegebenheiten. Die Geschlechterrolle ist eine grundlegende Rolle und beeinflusst einerseits das Verhalten und andererseits Erwartungen an dieses Verhalten. Sie werden von Geburt an gelernt; der Lernprozess wird von Eltern, Schule, Gleichaltrigen sowie von den Medien gelenkt. Nach wie vor sind die Rollenerwartungen in unserer Gesellschaft sehr traditionell. Während Aktivität, Rationalität, Selbstständigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Aggressivität und Mut als „typisch männliche“ Eigenschaften gelten, werden Sensibilität, Passivität, Geduld, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität als „typisch weibliche“ Wesenszüge betrachtet. Dem logischen und analytischen Denken der Jungen steht das vermeintlich unlogische und emotionale Denken der Mädchen gegenüber. Trotz zunehmender Sensibilisierung bezüglich der Gleichstellung von Mann und Frau zeigt sich auch heute noch eine erstaunliche Konstanz tradierter stereotyper Vorstellungen.

Die Mädchenschule kann hier gegensteuern. Der Schulalltag in der Mädchenschule ist weniger von körperlicher Gewalt geprägt, als dies an koedukativen Schulen der Fall ist. Dass auch hier Formen von Druck und Bedrohung existieren, soll nicht geleugnet werden. Es ist aber in der Regel eine ausgeglichene Lernatmosphäre gewährleistet. In den Einschulungsgesprächen wird gerade der Aspekt der Gewaltfreiheit von Eltern und zukünftigen Fünftklässlerinnen immer häufiger als Entscheidungskriterium genannt. Grundsätzlich scheinen ein sozialverträglicheres Klima und auch ein gemäßigterer Umgangston in der Mädchenschule zu herrschen. In diesem Zusammenhang wird oft der Einwand erhoben, dass Mädchenschulen einen falschen Schonraum darstellten, in dem die Mädchen auf das wirkliche Leben nicht angemessen vorbereitet würden. In der Tat entsprechen die Bedingungen an Mädchenschulen nicht der gesellschaftlichen Realität, da sie männliche Ansprüche weitgehend ausschalten. Gerade darin liegt aber die Chance, ein stabiles, gut verwurzeltes Selbstbewusstsein und damit eine echte Gleichbefähigung zu entwickeln. Das Selbstvertrauen entwickelt sich in einer Mädchenschule stärker. Häufig geht damit ein hohes Selbstwertgefühl (Bewusstsein, als Person liebenswert und akzeptiert zu sein) und eine ausgeprägte soziale Kompetenz (sich der Bedeutung der eigenen Person für die Gemeinschaft bewusst zu sein) einher. Ein starkes, gesundes Selbstvertrauen ist eine gute Voraussetzung, um sich mit dem anderen Geschlecht einzulassen und auseinanderzusetzen. Es stärkt die Leistungsbereitschaft und fördert die Kreativität. Leben und das Leben anderer.